Mephistos Eiland
Endlich ist das letzte Geheimnis Goethes gelöst, die Frage beantwortet: Woher stammt Mephisto. Sicher nicht aus dem Kamin, hinter dem er hervorkroch. Jetzt ist das Rätsel gelöst – eine literarische Sensation!
Als Johann Wolfgang von Goethe den Faust verfasste, war er bereits eine Berühmtheit und ein weit gereister Mann. Er war nach Italien gereist und hatte darüber geschrieben. Er war ins Berner Oberland gereist – ins Herz der Schweizer Alpen mit den mächtigen Gipfeln von Eiger, Jungfrau und Mönch – und hatte darüber einen Reisebericht verfasst.
Damit inspirierte er Generationen, seinen Spuren zu folgen: von Deutschland in die Schweiz und über die Alpen bis nach Italien. So wurde Goethe zum Wegbereiter des modernen Tourismus – in einer Zeit, als die Welt noch klein war, viel kleiner als heute. Ihre Grenzen wurden durch Pferdekutschen, miserable Gasthäuser und staubige Raststationen bestimmt.
Ständig unterwegs, ständig auf Achse
Reisen ist ein zentrales Thema im Faust. Der Doktor scheint ständig unterwegs zu sein: von seinem Studierzimmer nach Leipzig, wo Mephisto die Studenten auf einem Fass reiten lässt. Faust und sein magischer Schatten reisen in den Harz, wo die Hexen tanzen. Sie bereisen ganz Europa und gelangen sogar ins antike Griechenland, auf der Suche nach der legendären Schönheit der Helena von Sparta.
Goethe verschwendete weder Zeit noch Zeilen darauf zu erklären, wie sie diese Entfernungen überwinden. Faust fliegt mit Mephisto auf magischen Schwingen. Lange vor Einstein durchqueren sie Raum und Zeit in einer Art Gedankenexperiment. Man kann sich leicht vorstellen, wie man auf magischen Schwingen um den Globus eilt – ohne Pferde, ohne Staub, ohne Schlamm oder Regen.
Der König von Thule
Goethe hat Island nie gesehen; er erwähnt es nicht einmal in seinem berühmten Hauptwerk. Nur ein einziges Mal singt Gretchen ein altes Kinderlied:
Es war ein König in Thule,
Der treu bis an das Grab,
Seiner sterbenden Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Thule – oder Ultima Thule – ist eine der großen Legenden der europäischen Kultur, die Goethe zweifellos kannte. Viele Forscher setzen Thule mit Island gleich. Doch zu Goethes Zeiten war die Schiffsreise zu dieser nördlichen Insel riskant. Die arktischen Gewässer um Grönland und Island waren gefürchtet.
Auf magischen Schwingen
Die Zeiten haben sich grundlegend gewandelt. Auch ich reiste auf „magischen Schwingen“, angetrieben von zwei schweren Triebwerken, die den Sprung von Berlin nach Reykjavik in dreieinhalb Stunden bewältigen. Als sich das Flugzeug der Insel von Osten her näherte, tauchte plötzlich die gewaltige weiße Kappe des Vatnajökull aus der dichten Wolkendecke auf, die seit Schottland über dem Meer gelegen hatte. Welch ein großartiger Anblick!
Der Vatnajökull ist der größte Gletscher Islands – und einer der größten weltweit. Seit der Eiszeit bedeckt er den Südosten der Insel. Doch seine flache, eisige Masse verbirgt eine Gruppe von Vulkanen, sie verdeckt das tobende Feuer unterm Eis. In den Alpen und in den Rocky Mountains liegt Fels unter der Gletschern, in Island ist es Magma. Die weiße Kappe ist eine Illusion.
Insel der Gegensätze
Feuer und Eis – dieser Gegensatz hat Island geformt und formt es bis heute; Tag für Tag, Nacht für Nacht, im Sommer wie im Winter. Die Insel ruht auf Magma, das aus dem Spalt zwischen den auseinanderdriftenden Kontinentalplatten Europas und Amerikas hervorquillt. Wohin man auch blickt, wohin man sich auf Island auch begibt – stets begegnet man Feuer und Eis.
Es gibt dampfende Geysire – benannt nach dem isländischen Wort für die gewaltigen, aus der Erde brechenden Fontänen aus Dampf und heißem Wasser. Es gibt kochende Becken, aufgeheizt durch die Urgewalt der Erde.
Höllischer Schwefelgeruch liegt in der Luft. Riesige Wasserfälle stürzen unaufhörlich von den Gletschern herab. Die Luft ist erfüllt von Klängen: dem Rauschen des Wassers, dem Heulen des Windes und dem Tosen der Meeresbrandung, die allgegenwärtig ist.
Schornsteinfeger, der Unglück bringt?
Goethe war nie hier, doch Island liefert die Lösung für ein Problem, das Generationen von Lesern und Studenten beschäftigt hat: Zu Beginn des Faust erklärt der Dichter nicht, woher Mephisto eigentlich stammt. Zwar gibt es den Eröffnungsdialog zwischen dem schwarzen Magier und Gott, in dem um Fausts Seele gewettet wird.
Da ist jene Szene in Fausts Studierzimmer, in der er die Geister der Unterwelt herbeiruft, um zur Erkenntnis zu erlangen – um die Urformel der Welt zu finden. In diesem Augenblick tritt Mephisto hinterm Ofen hervor, als fahrender Scholastiker gekleidet. Das ist er also, der Geist aus dem Kamin.
Kein Hokuspokus, kein Zauberspruch
Mephisto erschien nicht aus der Erde – etwa als Zwerg, Maulwurf oder anderes unterirdisches Getier. Kein Hokuspokus, kein Zauberspruch; er taucht hinterm Ofen auf – ein schlichter Hinweis auf seine Affinität zu Feuer und Asche. Später erfahren wir, dass Mephisto der Geist der Verneinung ist. Er stellt das Böse dem Guten gegenüber, den Hass der Liebe, die Kälte der Hitze. Stets schmiedet er Intrigen und zynische Plänen.
Nun ist Goethes letztes Rätsel gelöst. Es gibt nur einen Ort auf der Welt, aus dem Mephisto stammen kann: jene große Insel, auf der Feuer und Eis, Wasser und Lava, Basaltfelsen und ewiges Meer aufeinandertreffen. Ich vermute, ich glaube, ich weiß es sogar: Island ist Mephistos verborgene Heimat, getarnt durch die raue Schönheit des hohen Nordens, nahe dem Polarkreis und Grönland.
Watch your steps!
Wer durch Island reist, sollte auf jeden Schritt achten. Denn die Schönheit kann trügerisch sein. Von einer Minute auf die andere öffnet sich ein Riss im Boden und speit Feuer und geschmolzenes Gestein. Genau das geschah im April 2025, als sich nahe dem kleinen Fischerdorf Grindavík plötzlich ein langer Spalt auftat und Lava über das Land strömte. Noch ein Jahr später rauchen und glühen die Felder aus Basalt.
Bricht ein Vulkan unter einem Gletscher aus, verdunkeln gewaltige Säulen aus Rauch und Asche den Himmel – bis nach Dänemark, Schottland, Norwegen oder Kanada. Dann verwandelt sich die Schönheit in ein Inferno. Donnerndes Grollen dringt aus dem glühenden Kegel – wie das dröhnende Lachen Mephistos.
So geschah es 2010 beim Ausbruch des Eyjafjallajökull. Diese Katastrophe schleuderte so viel Asche in die Atmosphäre, dass der Flugverkehr über Europa eingestellt werden musste.
Fest aus Farben und Licht
Doch dann, plötzlich: vollkommene Stille! In der Dunkelheit des Winters zeichnet der „Herr der Verneinung“ Flammen aus Licht – in Blau, Grün und Orange – mit dem magischen Stift unbekannter Farben; Farben, die dem Menschen fremd und mit Worten nicht zu beschreiben sind.
Aurora Borealis – das Nordlicht – ist Mephistos größte Illusion. Er verwandelt die tödliche Dunkelheit des arktischen Winters in ein Fest aus Farben und Hoffnung. Nein, der grenzenlose Raum jenseits der Erde ist nicht kalt und leer. Er scheint erfüllt von Licht, von Leben, von Liebe. Atemberaubende Schönheit offenbart sich dem Auge – Ursprung von Legenden, Mythen und Religionen.
Raues Land
Doch Vorsicht! Auf Island ist nichts, wie es scheint. Alles existiert in Paaren, in Kontrast und Widerspruch. Es ist ein raues Land, geformt durch Mephistos Willen. Ich vermute, Goethe wusste das nicht.
Das ist der Grund, warum er Mephisto – zumindest zu Beginn seiner Faust-Saga – auf eine Art Schornsteinfeger reduzierte. Erst später lässt er seine Schöpfung zu jenem Giganten heranwachsen, der er in Wahrheit ist: zum Meister der Negation.
Die Menschheit lernt, so hoffen wir, von einer Generation zur nächsten. Vier Jahre vor dem Tod Johann Wolfgang von Goethes wurde ein anderer berühmter Schriftsteller geboren: Jules Verne, der große französische Romancier. Er wusste offensichtlich mehr über Island.
Ende am Stromboli
Die Expedition in seinem Werk Reise zum Mittelpunkt der Erde nimmt am Snæfellsjökull ihren Anfang. Gelegen im äußersten Westen Islands bildet er mit dem majestätischen Vatnajökull und dem tückischen Eyjafjallajökull ein Dreieck intensiver vulkanischer Aktivität.
Im Vernes Roman nutzt die Expedition den Vulkan wie einen Schornstein, um ins Erdinnere zu gelangen. Wie wir wissen, endet diese Reise am Vulkan Stromboli in Italien, der die Gruppe wieder ausspuckt. Es mag ein seltsamer Zufall sein, doch Goethe hatte den Stromboli im Mai 1787 während einer Überfahrt von Sizilien nach Neapel gesehen. In einem Brief schrieb er:
Der Stromboli ist ein wunderbarer Anblick. Ein ewig brennender Schlund, mitten im Meer, ohne dass ein anderes Ufer oder eine Küste in Sicht wäre.
1787 – das war 15 Jahre, nachdem er mit der Niederschrift des Urfaust begonnen hatte, der ersten Fassung seines berühmten Werks. Beim Anblick des Stromboli verlor er kein Wort über den Geist der Verneinung, kein Wort über den Abgrund und die Geister darin. Seltsam, oder?
Eine düstere Ahnung steigt auf
Dasselbe gilt für Jules Verne: Für ihn schien Mephisto nicht zu existieren; er ignorierte ihn völlig. Und doch war es vermutlich der Meister der Versuchung, der die Expedition ins Erdinnere überhaupt erst ermöglichte.
Eine düstere Vorahnung steigt in mir auf. Vielleicht verhält es sich bei meinem Flug nach Reykjavik genauso. Willst du reisen, die Welt sehen? Sei vorsichtig – womöglich fliegt ER in deinem Rucksack mit!
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