Therapie für Wikinger – Knallbonbon vorm Jahresende
Vor der Premiere im Filmpalast Delphi wurde das Publikum gewarnt: Regisseur Anders Jensen und Mime Mads Mikkelsen stellten eine Reise in Aussicht – in die Abgründe von Psyche, Seele und Existenz. Es folgte ein atemberaubendes Meisterwerk, das von Schwarz bis Schrillbunt alle Farben des Lebens spiegelt.
Kinozar Knut Elstermann eröffnete die Berliner Premiere, als er Regisseur und Schauspieler auf die Bühne bat. Therapie für Wikinger wird von Splendid Film (Köln) und Neue Visionen (Berlin) gemeinsam vertrieben.
Entsprechend groß war der Andrang, das Delphi am Bahnhof Zoo nahezu voll besetzt. „Mich interessieren Brüder, ungleiche Brüder“, erläuterte Anders Jensen im Gespräch. „Sie lieben sich und lieben sich nicht, wie es meistens in Familien ist.“
Zwei ungleiche Brüder
Schon mehrere Filme hat er mit dem Duo Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas gedreht, immer wieder war von ungleichen Brüdern die Rede. Ohne dem neuesten Werk vorzugreifen: Auch dieses Mal geht es um zwei sehr verschiedene Wesen, die dennoch wie Kletten aneinander hängen.
Jensens Botschaft lautet: Den Bruder suchst Du Dir nicht aus, auch nicht die Schwester, erst recht nicht Mutter und Vater. Vordergründig geht es um Brüder, doch eigentlich geht es ums Wesentliche: Was macht den Menschen aus, sein Wesen, wie er sich selbst versteht und erkennt?
Kaas spielt den cholerischen, starken, älteren Bruder Anker, der auf kriminellen Pfaden wandelt. Mikkelsen gibt den psychisch labilen Manfred, der den Wikinger in sich nie leben durfte. „Ihr Verhältnis scheint absurd“, erläutert er auf der Bühne. „Absurd wie echtes Leben.“
Ensemble in Höchstform
Daneben gibt es eine Schwester, die irgendwie sehr stark ist. Der Vater erscheint retrospektiv als Säufer und Sadist. Die Mutter kommt nur vor, wenn von „Mamas Haus“ die Rede ist.
Außerdem von der Partie ist ein seltsames Pärchen, dass jetzt in Mamas Haus lebt, und eine Horde verkannter Genies, die sich abwechselnd für Georg Harrison, Paul McCartney, Ringo Starr, ABBA oder Heinrich Himmler hält.
Es geht um richtig viel Geld
Nicht zu vergessen der freundlichen Flemming, der besonderen Anteil an der Story nimmt. Dieses Ensemble – selbst die kleinste Nebenrolle ist großartig besetzt! – läuft zur Höchstform auf.
Es entführt uns in satte, dunkle Wälder, in tiefgründige Wortwechsel (die nicht immer Dialoge sind) und atemberaubende Action, die einen aus dem Sitz reißt. Letzter Spoiler: Es geht um Geld, richtig viel Geld.
Wie irre war das denn?
Als der Abspann kommt, steht die Frage im Raum: Wie irre war das denn? Und wie großartig! Diese Geschichte zweier Brüder greift tief ins Auditorium hinein, davon bleibt niemand unberührt oder verschont.
Tragik und Komödie verschmelzen. Was lachend startet, bleibt in der Kehle stecken. Humor in der Farbe von Anthrazit. Es kracht, kämpft und blutet, seelisch und physisch.
Langweilig ist es keine Sekunde. Im Gegenteil: Therapie für Wikinger ist das überraschende Knallbonbon vor Silvester – einer der besten Streifen des scheidenden Jahres.
Überblick zum Film bei Neue Visionen
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